Ged?chtniskultur im Paratext – Textr?nder altnordischer Prosahandschriften

Auf einen Blick

Laufzeit
04/2020  – 03/2021
F?rderung durch

?ffentliche F?rderorganisationen anderer L?nder

Projektbeschreibung

Im Gegensatz zum restlichen Europa, wo die Handschriftenkultur durch den Buchdruck abgel?st wurde, erlebte die Handschriftenproduktion auf Island ab dem frühen 17. Jahrhundert eine regelrechte Renaissance. Viele der heute als mittelalterliche Texte aufgefassten Textzeugen sind jedoch einzig in Papierhandschriften quasi-mittelalterlicher Produktionsweise aus der ?Renaissance der altnordischen Handschriftenproduktion“ (17. - 19. Jahrhundert) überliefert. Das vorliegende Projekt untersucht anhand paratextueller Elemente – so zum Beispiel an Titelbl?ttern, Zwischentiteln, Einleitungen oder Schlussformeln – wie über Paratexte altnordischer Prosahandschriften eine Ged?chtniskultur erzeugt wird, in der literarische Inhalte frühneuzeitlicher Texttr?ger in der kollektiven und kulturellen Erinnerung als mittelalterliche Texte erinnerbar gemacht werden.

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts
Die altnordische Schreib- und Erz?hlkultur ist im Kontext des europ?ischen Mittelalters als einzigartig zu betrachten, da sie sich – in quasi-mittelalterlicher Auspr?gung – bis in die Frühe Neuzeit, ja sogar bis in die frühe Moderne hinein erstreckt. Im Gegensatz zur Handschriftenkultur im übrigen Europa brach auf Island die Handschriftenproduktion, die eine erste Hochblüte zwischen dem sp?ten 13. und dem frühen 16. Jahrhundert erlebte, nicht durch die im Zuge der Reformation sich verbreitende Buchdruckkunst ab. Zwar gibt es eine merkliche Unterbrechung in der aufgrund der Reformationswirren auf Island sehr turbulenten zweiten H?lfte des 16. Jahrhunderts, doch erlebte die Handschriftenproduktion auf Island ab dem frühen 17. Jahrhundert eine regelrechte Renaissance. Insbesondere aus der Zeit der ?Renaissance der altnordischen Handschriftenproduktion“ zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert, als Papier als Texttr?ger erschwinglich wurde und der serielle Buchdruck die Vervielf?ltigung und Distribution von Texten erleichterte, sind viele altnordische Prosatexte überliefert, deren mittelalterliche Vorlagen nicht mehr vorhanden sind. Aus erinnerungstheoretischer Perspektive stellt sich dabei die Frage, welches kulturelle, literarisch verarbeitete (Text-)Wissen in diesen frühneuzeitlichen Handschriften überliefert und erinnert wird. Insbesondere bei den Texttr?gern aus der Zeit der ?Renaissance der altnordischen Handschriftenproduktion“ ist erkennbar, dass intra- und extratextuelle Erinnerungen, Gattungszuweisungen und Rezeptionsanweisungen in paratextuellen Zus?tzen vermittelt werden.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext
Das vorliegende Projekt setzt sich daher zum Ziel, erstmalig mittels erinnerungstheoretischer Ans?tze und Theorien zum Paratext, die spezifisch altnordisch-isl?ndische Ged?chtniskultur in ihrer historischen Breite hinsichtlich der literarischen Ausformung von Erinnerung in den Paratexten mittelalterlicher und insbesondere frühneuzeitlicher Handschriften zu untersuchen. Dadurch soll einerseits ein Beitrag an das Verst?ndnis des kulturellen Erbes der altnordischen Literaturproduktion, dem einzigartigen Schreibermilieu in der Frühen Neuzeit auf Island und der damit verbundenen kulturellen Erinnerung und kollektiven Identit?tsstiftung geleistet werden. Andererseits werden durch die bisher nicht vorgenommene Verschr?nkung von Erinnerungstheorien und Theorien zum Paratext und einer aus dem Untersuchungsmaterial abgeleiteten, eigenst?ndigen Theorie zur ?Ged?chtniskultur im Paratext“ beide Forschungsfelder mit neuen theoretischen und methodologischen Impulsen versehen, die auch auf andere Fachgebiete anwendbar sein werden.